25 September, 2017

"All that is necessary for the triumph of evil...


...is that good men do nothing."


Es ist letztendlich keine Überraschung, dreht mir aber nichtsdestotrotz den Magen um: eine rechte Partei zieht in den deutschen Bundestag, weil ca. 12 Prozent der Deutschen die Fehler unserer Großeltern und Urgroßeltern wiederholt haben.

Das Kind ist in den Brunnen gefallen- und jetzt? Jetzt liegt es an uns restlichen 88 %, diesem Beispiel nicht zu folgen.  

Unsere Vorfahren haben eine einzige Entschuldigung: sie wussten nicht, was noch kommen könnte. Diese Entschuldigung haben wir nicht. Jeder von uns, egal welches Schulsystem wir durchlaufen haben, hatte dieses Thema im Geschichtsunterricht. Wir wissen was passiert, wenn zu viele schweigen und dulden.

Also Arsch hoch. Raus aus Deiner Comfort Zone. Werde laut. Like, kommentiere, teile auch mal etwas mit politischem Inhalt, falls Du auf Facebook o.ä. bist. Sei nicht höflich, wenn jemand in Deinem Beisein braunen Scheiss von sich gibt, sondern mach den Mund auf und sei unbequem. Du hast Einfluss auf Deine Umgebung- glaube daran und nutze das. Die Geschichte zeigt: wählen gehen allein reicht nicht. Wir müssen besser sein als unsere Vorfahren, wir haben keine Entschuldigung. Und Kopf in den Sand stecken, warum? Wir sind 88 %.

Und denjenigen unter Euch, die gestern die AfD gewählt haben, möchte ich Folgendes sagen: nichts. Ihr seid es nicht wert, und bei Euch ist eh schon alles zu spät.
 

04 September, 2017

Mein Leben als Hasenfuß

Ja, stimmt: ich überwinde regelmäßig in Kletterhallen und Hochseilgärten eine durchschnittlich ausgeprägte Höhenangt, mein Motto bei Achterbahnen lautet "Gib mir schneller!", und letztens bin ich aus einem Flugzeug gesprungen*. Irgendwann in näherer Zukunft werde ich einen ehemaligen Getreidesilo hochklettern, obwohl mir beim bloßen Anblick des Videos die Hände feucht werden. Das meiste macht mir Spaß, aber manche Dinge mache ich einfach nur, um mir zu beweisen, daß ich kein Angsthase bin. Warum muss ich das?

Weil ich ansonsten die größte Memme wäre, die je auf dieser Erde wandelte. Und jetzt reden wir hier nicht mehr von Dingen, bei denen der Überlebensinstinkt aufschreit ("Fresse halten, ich mach das jetzt.", s. o.). Wir reden hier von Game of Thrones, die Serie.

5 Staffeln lang habe ich mich zurückgelehnt und konnte es ganz entspannt gucken. Da wusste ich nämlich als Leserin der Bücher schon vorab, was mich erwartet. Wann wer enthauptet, vergiftet, auf dem Donnerbalken erstochen oder auf anderem Wege um die Ecke gebracht wird, wann die großen Schocker passieren und wann ich auch anderweitig mein puddingweiches Herz (don’t tell anyone) stählen musste. Aber weil George R. R. Martin das Schreibtempo meines Chefs (dessen 4-Finger-System deutlich  langsamer ist als meins mit meinen 2,5) nochmal unterbietet, hat die Serie die Bücher mittlerweile überholt, und ab Staffel 6 war ich den Schreibern und ihren kranken, sadistischen Launen genauso schutzlos ausgesetzt wie all die armen Nichtleser in den Staffeln zuvor auch. Und ich komme nicht umhin zu fragen: wie konntet Ihr das jahrelang gucken ohne regelmäßige Herzstillstände?! Seid Ihr alle tot innendrin?!

Immerhin: 5 Folgen habe ich durchgehalten. 5 Folgen à 50+ Minuten, in denen ich jederzeit damit gerechnet hatte, daß JETZT! oder JETZT! oder JETZT! von irgendwoher ein Schwert angesaust kommt oder ein Pfeil oder sonst ein Meuchelinstrument und mich zerstört. Und besorgt hat’s mir dann letztendlich die Folge mit der Tür. Da war für mich Schluss, finito, ¡basta!, non Monsieur! Das war Mai 2016. Seitdem komme ich UM vor Neugierde! Und seit die 7. Staffel angefangen hat (und mittlerweile schon wieder beendet ist) müsste ich eigentlich außerhalb meiner 4 Wände nur noch mit Fingern in den Ohren und laut "LALALALALA“-singend durch das Leben ziehen, um nicht gespoilert zu werden.


Aber ich kann, ich KANN es einfach nicht alleine gucken. Ja, absolut jämmerlich, ich weiß. Und es ist ja noch nicht mal so, daß ich eine Hand zum Drücken oder eine Schulter zum Heulen bräuchte- ich bin schließlich kein Mädchen, nuh-uh! Ich bräuchte ja lediglich jemanden, der mir am Ende einer Folge sagt: Schätzelein, es ist nicht echt. Der mir mit der einen Hand ein Taschentuch hinhält und mit der anderen eine Packung mit gelben M&Ms (farblich sortiert wäre toll), und mich, falls alle Stricke reißen, wieder in die Realität zurückohrfeigt. Wobei das mit der Ohrfeige eher bildlich gemeint ist- die Drohung, mein verheultes Gesicht zu fotografieren und zu veröffentlichen dürfte vollkommen ausreichen. Nur, wo kriegt man so jemanden? "Alleinstehende Frau sucht emotionalen Beistand bei Game of Thrones“, nicht auszudenken wer sich auf so eine Annonce melden würde. Das würde sich höchstens als Sozialexperiment eignen, aber auch dann nur mit Muskelbackup im Nebenraum. Ich habe mal von Helferaffen gehört, habe diesen Gedanken aber nach reiflicher Überlegung doch wieder verworfen- ich möchte nur ungern mit Affenkot beworfen werden, und möglicherweise müsste ich die M&Ms mit denen teilen. Geht gar nicht. Valium wäre auch eine Möglichkeit, aber- nee.

Aber wer weiß? Vielleicht wachsen mir irgendwann mal Eier. Vielleicht heule ich irgendwann mal nicht mehr bei jedem Scheissdreck auf einer Leinwand rum, der von Violinen untermalt wird (diese Serienmacher kämpfen dreckig, ich sag’s Euch!). Und vielleicht ist es ja auch Übungssache; vielleicht kann man, ich nenne es mal "Gefühlsabsterbung“ trainieren! In der Hoffnung habe ich es zumindest fertiggebracht, gestern Abend Orphan Black zu Ende zu gucken. Ganz allein, wie die erwachsene Frau, die ich laut Personalausweis bin. Ich habe Taschentücher vollgerotzt und fand es tatsächlich auch ganz angenehm, dabei kein Publikum zu haben. Also in sofern… ich mag zwar noch immer nicht bereit für GoT sein, aber eine leichte Steigerung meine ich vermelden zu können.


* "ich bin aus einem Flugzeug gesprungen“ hört sich so viel besser an als "ich habe Geld dafür bezahlt, daß mich jemand vor sich auf den Bauch schnallt und mich dann aus einem Flugzeug schubst, während mein Hirn zu sehr mit Panik schieben beschäftigt war um zu protestieren“.

07 Mai, 2017

Das Grauen hat einen Namen...

... und er lautet 

"Onlinedating".

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag schon vor über einem Monat posten, habe ihn aber dann vergessen und hole das hiermit nach. Vor 10 Jahren hätte ich zu diesem Thema schon 15 Beiträge geschrieben- Material hätte es in den letzten 12 Monaten genug gegeben. Statt dessen gibt es zeitlich bedingt jetzt nur eine Zusammenfassung.

Da gibt es zum Beispiel diese zahlungspflichtige Datingseite, die einen Algorithmus entwickelt hat, welcher bestimmt, wer zu mir passt und eine entsprechende Vorauswahl trifft. Was kann da schon schiefgehen? Die Parship-Frau, die sich mich am besten eignet, hat ganze 3 Sätze in ihrem Profil stehen: 1.) Sie mag nicht: Krieg, Gewalt und Lügen. Seriously? Übersetzt heißt das „ich bin kein Soziopath“. Das ist beruhigend, verdient aber auch keinen Extrapunkt. 2.) Der Tag ist für sie perfekt, wenn sie neben mir aufwacht. Frau, ehrlich, an einem Montag Morgen um 6 neben mir aufzuwachen- bitte leg die Latte für Deinen perfekten Tag doch ein bißchen höher, weil DAS. ist. TRAURIG. Und 3.) Sie würde niemals: „Nie sagen“ Gratuliere, Du meine angebliche Parship-Traumfrau: Dein Profil deckt sich mit 95 % aller anderen Parship-Userinnen. Laut Parship ist meine perfekte Frau also eine Langweilerin ohne Ecken und Kanten. Oh, und unter "Musik" steht: Schlager. Nur Schlager. Hallo, Suizidgedanken.

Und dann gibt es da noch die kostenlose Dating-Seite nur für Lesben, auf der sich alles tummelt. Und hier und da sogar ein paar Lesben! Und hey, ohne eingebildet rüberkommen zu wollen, ich bin da der heiße Scheiss. Kein Tag ohne Nachricht! Von Profilen mit ohne Foto und mit ohne Aussage, und die Nachricht besteht aus "Hey!“ (manchmal auch kleingeschrieben, alternativ mit Punkt statt Ausrufezeichen, manchmal auch gänzlich ohne Satzzeichen, und -ganz aktuell- auch einmal ganz ohne hey). Damit scheint wohl alles gesagt. Ich frage mich manchmal vage, was wohl passieren würde, wenn ich ebenfalls mit "Hey“ antworten würde- krücken wir uns dann weiter einsilbig durch die Unterhaltung? Danke, aber nein danke.

Doch fürchtet Euch nicht, es gibt sie ja doch: die paar Profile, die ein bißchen was aussagen und neugierig machen. Also schreibt man sich. Manchmal verödet das nach 2, 3 Mal hin und her, und das ist total okay. Manchmal bleibt aber das Interesse bestehen- und dann fangen die eigentlichen Probleme an. Wann geht man den Schritt aus der bequemen Chatterei und schlägt ein Treffen vor? Man will ja a) nicht verzweifelt erscheinen, und b) erstmal abklopfen, ob man denn überhaupt kompatibel ist. Und da liegt sowohl der Haken als auch der Hase im Pfeffer (und der Hund ist auch noch da begraben.), zumindest für mich. Ich weiß nicht, ob es anderen Onlinedatern genauso geht, aber: mit jeder Mail, die ich erhalte, formt sich ein Bild von der Person. Je mehr ich lese, desto fester und genauer dieses Bild. Und dann kommt es, das Treffen. Und nach einem Monat glänzender Hin- und Herschreiberei stellt man fest- die Frau ist ja ganz anders als die Frau in meinem Kopf! Das ja frech. Und es funkt so absolut rein gar nicht. Bisher war jedes Treffen mit einer Onlinefrau sehr nett (immerhin- meine damaligen Blind Dates mit Männern waren schlimmer, ich hatte mal eins hier schriftlich festgehalten), aber mehr auch nicht. Himmelherrgott, was für eine Zeitverschwendung.

Einmal allerdings gab’s zumindest abschließend was zu lachen. Die Frau, für die es kein Zufall war, daß wir uns online getroffen haben, die immer wieder -gänzlich unsarkastisch!- von Schicksal schrieb und einmal gar von "göttlicher Vorsehung“ (I kid you not), die mich ständig krass anflirtete, die sich nach dem ersten Telefonat um 11 Uhr abends in Frankfurt in ihr Auto setzen und die A3 nach Rheinbreitbach herunterbolzen wollte, und die überhaupt gefühlt kurz davor war, mir einen Heiratsantrag zu machen. Und die mir keine 5 Minuten nach der Verabschiedung (ja, es hat ein Treffen gegeben- ich musste bei ihr um die Ecke mein neues Auto abholen und kam aus der Sache trotz mittlerweile lautstarken Alarmglocken nicht mehr raus) die Nachricht schickte, es hätte ja nun doch nicht so gefunkt und wir könnten ja Freunde sein. Ich musste so lachen, daß ich um ein Haar mein neues Auto in die Leitplanke gesetzt hätte- und auf jeden Fall habe ich gelernt, daß man sich viel Peinlichkeit erspart, wenn man jegliche Flirterei großräumig umschifft, solange man sich nicht mal live gegenübergestanden hat.

Also halten wir fest: es ist ein schmaler Grat zwischen "schreiben" und "zu viel schreiben". Und zu früh nach einem Treffen fragen schreckt ab. Ich komme zu dem Schluss, daß alle Leute, die ihren Beziehungsstatus mit „es ist kompliziert“ angeben, Onlinedating meinen.

Meine Schlussfolgerung: ich hasse es, es ist einfach nicht meins, und da riskiere ich lieber, auf ewig Single zu bleiben (die Erfolgsaussichten in der freien Wildbahn hatte ich ja hier schon mal berechnet, und die waren sogar als Heterozeiten eher ungeil. Außerdem: vor die Tür gehen. Grässlicher Gedanke.). Also habe ich gekündigt. Und zwar genau 3 Tage nach Ablauf meiner Kündigungsfrist, und bleibe Parship nun doch noch erhalten.

Nichtsdestotrotz, eine Lanze (genauer gesagt: 3) muss ich trotzdem für dieses seltsame Onlineding brechen.
  1. Ich habe es immerhin nur mit Frauen zu tun und insofern blieben mir wüste Beschimpfungen, wie sie eine mir nahestehende Heterosinglefrau schon mal von einem zurückgewiesenen Herrn erhalten hat (dumme Fotze, potthässlich, blöde Scheisshure), erspart. Das Schlimmste, was mir zugedacht wurde, war "Rechtschreibnazi". War als Beleidigung gedacht, aber wer mich kennt kann sich vorstellen, dass das runterging wie Öl. 
  2. Ich habe tatsächlich ein paar Bekanntschaften gemacht, die zumindest platonisch eine echte Bereicherung für mein Leben sind und sich zu Freundschaften entwickelt haben, die ich nicht mehr missen will. 
  3. Ich kenne Leute, die ihre Partner und Partnerinnen sehr wohl im Netz kennengelernt haben und bei denen es geklappt hat. 
Also, wer weiß. Aber meins ist es nicht, also verschönert noch bis März 2018 eine komplett leere Profilseite das Parship-Portal.

01 Januar, 2017

2016, Du brauchst bessere PR!

Weil, irgendwie hat es sich in der landläufigen Meinung so ergeben, daß 2016 scheiße war. Und ich gebe zu, in den letzten Wochen habe ich mich durchaus davon anstecken lassen- Amerika wählt einen Mann, den nicht mal BILD-Redakteure so hätten erfinden können, haufenweise Musiker und Schauspieler beißen in's Gras, Brexit, Terroranschläge in Europa...

Aber wie ich so gestern am Silvesterabend comiclesend in einer Jogginghose auf meiner wundervollen Couch saß und mir dann um Mitternacht mit meiner Tochter auf dem Schoß das Feuerwerk angesehen habe... kam mir das Ganze dann doch eigentlich gar nicht so scheiße vor.

Also mal schauen:

  • mein Vater gab die Küchenschabe und überlebte mit 76 eine Lungenembolie,
  • der 4-jährige Sohn einer Freundin hatte doch keinen Gehirntumor, 
  • auch sonst sind alle um mich herum gesund und munter, und der einzige Trip in's Krankenhaus war nur eine schnell verklebte Platzwunde,
  • Hanna und Freddi stecken die Trennung von Jan und mir viel besser weg als befürchtet, 
  • mein Outing interessierte keine Sau (solange ich nicht die Rheinbreitbacher Hauptstraße mit einem Ein-Frau-CSD lahmlege), 
  • ich habe ein gut geheiztes Dach über dem Kopf, 
  • mich plagen keine ernstzunehmanden existenziellen Sorgen, 
  • ich habe die Erfahrung gemacht, daß alleine in's Kino gehen total nett ist (kein Gerangel bei der Filmauswahl, der Terminfindung und der Popcornaufteilung),
  • ich habe tolle, tolle! Wanderungen hier in der Gegend (wieder)entdeckt und träume vom South West Coast Path (irgendwann),
  • Musik, Musik, Musik! Ganz vorne weg alles von Agnes Obel und insbesondere ihr überirdisch phantastisches Konzert Ende November in Düsseldorf.
  • und: ich bin mir ziemlich sicher, daß in 2016 weniger einzelne Socken in der Waschmaschine verschollen sind als in den Jahren zuvor.

Also, 2016: bei weitem nicht so schlecht wie sein Ruf. Gut, mittel, schlecht? Keine Ahnung, aber auf jeden Fall- interessant, bewegt, aufregend und lehrreich. Und 2017? Bring it on.

29 Juni, 2015

Kinder müssen draußen bleiben

Seit einer Woche bin ich nach 1,5-jähriger Abwesenheit wieder bei Facebook unterwegs, und jetzt bekomme ich nicht nur mit, wer wann wo mit wem was gegessen hat, sondern auch: den Aufreger der Woche. Hurra!

Da ich ja momentan allem ein bißchen hinterherhinke, spreche ich jetzt über den Aufreger von vorletzter Woche. Der Biergarten! Ja, der in Düsseldorf, der jetzt nicht nur Hunde diskriminiert, sondern auch *gasp* KINDER! Unsere lieben Kleinen! Ich bin empört! Ach nee, Moment mal- bin ich ja gar nicht. Zum Einen finde ich es tatsächlich irgendwie lustig, alleine schon das Schild.

 
Und Kinder sind auch elendiglich nervig- ich spreche da aus Erfahrung. ICH würde das Hausverbot allerdings eher auf die Eltern beziehen. Meine Tochter isst Eis mit Ganzkörpereinsatz und ist bei und nach dem Essen eine Gefahr für alles, was mit ihr auch nur ansatzweise in Kontakt kommt. Daß ich da was abkriege ist quasi Berufsrisiko, aber warum muß ich das zum Problem der anderen machen, indem ich die kleine Dreckschleuder so rumlaufen lasse? Steine und Sand schmeißen? Auch okay, aber doch bitte nicht auf andere Gäste. Und wenn dann doch mal sowas passiert, was realistisch gesehen über kurz oder lang bei niemandem ausbleibt, dann kommt es auf die Reaktion der Eltern an: Entschuldigung beim Betroffenen, bei verdreckten Klamotten das Angebot, die Reinigungskosten zu übernehmen, und das Zusammenfalten des Kindes. Alles andere ist -kann man gar nicht anders sagen- asozial. 

Leider sind, das kann man leider gar nicht anders sagen, manche Eltern mittlerweile ebendies- asozial. Die wollen in Ruhe essen und trinken, und wenn die kleine Zuckermaus gerade mit seinen Schokoeispatschern die Sitzfläche vom Stuhl verschönert, dann hurra, Marie-Claire drückt sich kreativ aus! Wie schön. Und Steine schmeißen, ja, meine Güte, der Luca bewegt sich halt gern. Ja, richtig gelesen: solche Sachen werden nämlich nicht nur von Dschayden, Dscherome und Dschacqueline's Eltern aus Tannenbusch toleriert, sondern auch von wohlsituierten, (man sollte meinen) gebildeten Eltern. Er in Camp David, sie in Superdry (kleine Nebenfrage: ist Abercrombie & Fitch schon langsam auf dem absteigenden Ast oder kommt mir das nur so vor?), und beide mit der Einstellung: wir sind zahlende Gäste, dann brauchen wir uns auch nicht zu benehmen. Und erzogen wird der Goldspatz ja schließlich im englischen Montessori-Kindergarten, das reicht. Man kann sich auch nicht um jeden Scheiss kümmern.

Nun versteht mich nicht falsch: die meisten Eltern (ungeachtet ihrer Klamotten) sorgen auch dafür, daß ihre Kinder sich in der Öffentlichkeit benehmen, und Kinder dürfen und sollen auch laut sein und sich austoben. Aber ich habe schon den Eindruck, daß die Asis zunehmen, denen es egal ist, daß ihre Kinder die anderen Gäste belästigen. Vielleicht ist ihnen nur nicht klar, daß fremde Leute ihre Kinder nicht unbedingt so bezaubernd finden wie sie selbst, und daß gerade Nicht-Eltern auch nicht so abgehärtet sind, was solche Dinge angeht. Unter'm Strich ist das Ergebnis aber das Gleiche: die Kinder werden ebenso zu einem Nervfaktor wie schlecht erzogene Hunde, die bellen und fremde Hosenbeine vollsabbern.

Ich habe also Verständnis mit dem Wirt, finde es aber schade, daß er gleich zu solch drastischen Mitteln gegriffen hat. Vielleicht hätte es gereicht, Eltern darauf hinzuweisen, daß sie entweder gefälligst auf ihre Sprößlinge achten sollen oder Hausverbot bekommen. Dann hätten sich zwar trotzdem noch genug Eltern aufgeregt, es hätte aber nicht so pauschal alle getroffen.


27 Juni, 2015

Ich will zurück in's Mittelalter!

Ja, will ich. Und zwar nicht, weil da alles besser war, SO weit würde ich nicht gehen angesichts von Pest, Inquisition, Kriegen, Hexenverbrennungen und der Ius primae noctis (jetzt mal ehrlich, es ist doch ein Wunder, daß nur die Franzosen jeden Adeligen geköpft haben, den sie in die Finger bekommen konnten). Und meine Lieblingschips gab es da auch noch nicht- nüchtern betrachtet war das Mittelalter also eher kacke ("Muss ein König sein. Weil er noch nicht völlig mit Scheisse überzogen ist.").

Aber eine Sache war auf jeden Fall besser: dieses ganze Ding mit dem Kinder-Großziehen.

Heute ist das in den allermeisten mir bekannten Fällen wie folgt: die Muddi legt ihren Job erstmal für ein paar Jahre auf Eis und bleibt zuhause, weil sie in der Regel weniger verdient als Vaddi (was nochmal ein ganz anderes Thema ist, zu dem ich ebenfalls einiges zu sagen hätte), und kümmert sich aufopferungsvoll um die Brut. Die lieben Kleinen wollen getragen, beschmust und an die frische Luft (aber nur ja nicht in die Sonne!) gebracht, überquellende Windeln müssen gewechselt, die Spielumgebung soll sicher, altersgerecht, abwechslungsreich und interessant gestaltet, die Nahrung soll aus gesunden, regionalen und saisonalen Zutaten selbst frisch zubereitet werden. Und weil Muddi eh zuhause ist und nichts zu tun hat außer dem bißchen Kinderbespaßung, macht sie das bißchen Wäsche, Aufräumen, Spülen, Putzen, Kochen, Müll runterbringen, Staub wischen und Einkaufen auch gleich mit. Aber aufgepasst: jetzt bloß kein langweiliges Hausmütterchen werden, das womöglich nicht mehr auf ihr Äußeres achtet! Die Bezahlung... naja, das gesetzlich zugesicherte Grundgehalt besteht im ersten Jahr noch aus ca. 65 % von dem was man vorher verdient hat + ungefähr 184 € Kindergeld, in jedem weiteren Jahr besteht es aus 184 € Kindergeld + dem auf das man sich mit Vaddi einigen kann. Auf jeden Fall weniger Geld als vorher, bei gleichzeitigem Anstieg von 40 auf ca. 160 Wochenstunden (7 Tage nächtlichen Bereitschaftsdienst eingerechnet) und einem Absinken der Urlaubstage von durchschnittlich 28 auf 0.

Im Mittelalter war es so: Muddi in spe zieht nach der Hochzeit (und nach einem kurzen Umweg über das Bett des Grundherren) zu Vaddi in spe und dessen Familie. Um die Existenz zu sichern arbeitet sie auch mit Kind noch weiter in ihrem alten Beruf, was deswegen kein Problem ist, weil das erstens alle machen und zweitens zuhause immer irgendeine Tante oder Oma ist. Kinderbetreuung gesichert, Muddi kommt mal vor's Loch und hat obendrein noch das Gefühl nützlich zu sein (Oma übrigens auch).

Klar liebe ich meine Kinder, und natürlich gibt es haufenweise Momente, die ich in den ersten beiden Jahren nicht hätte verpassen wollen- aber wenn man mir anbieten würde, ich könnte jeden Tag ein paar Stunden arbeiten und die Miniterroristen wären in der Zeit zuhause mit Leuten, die sie kennen und lieben? Eine bessere Situation könnte ich mir gar nicht vorstellen. Leider ist das nur in den wenigsten Fällen möglich. Zumindest im ersten Jahr haben die meisten Frauen kaum noch Kontakt zu Nicht-Müttern, und so nett diese größtenteils auch sind, den Gesprächsthemen in Krabbelgruppen und auf Spielplätzen mangelt es auf Dauer an Originalität. "Was geht oben rein und kommt unten raus" dominiert die ersten 6-8 Monate, danach beginnt der Wettlauf um die Meilensteine der Grobmotorik, und sind die ersten Schritte gemeistert folgt der Ansturm auf die ersten Zweiwortsätze. Gespräche über Dinge, die einem früher (als "normaler Mensch") noch wichtig waren: Fehlanzeige. Als hätte man mit Ankunft der lieben Kleinen seine Hobbies an den Nagel gehangen, keine Bücher mehr aufgeschlagen, keine CD mehr eingelegt (ja, ich höre noch CDs) und würde einfach nur noch als Mutter existieren. Ich hätte nie gedacht, daß die spannendste Zeit meines Lebens gleichzeitig auch so langweilig sein würde.

Und dann aber doch so stressig, daß jede Mutter, die ich kenne, sofort zugibt, daß ihr früherer Job dagegen ein Spaziergang war ("Wenn du Ruhe haben willst musst du arbeiten gehen."). Klar, stressige Jobs gibt's überall, aber erstens hat man bei denen immer noch Urlaub und Wochenende, zweitens sind die anständiger bezahlt (naja, Krankenschwester u. ä. nicht- noch so'n Thema...) und drittens -und vielleicht am wichtigsten- man bekommt bei denen Anerkennung für die erbrachte Leistung.

Ja, ich weiß, was soll das Rumgeheule? Ich hab die Kinder doch schließlich gewollt. Verdammt richtig, und ich habe auch in der miesesten Schreibaby-Zeit nicht ein einziges Mal gedacht: "Kacke, hättste doch mal lieber weiter die Pille genommen." Aber manchmal wäre ein bißchen Mittelalter halt doch ganz willkommen.